Vom Hover Bar zur Race-Maschine – das neue Canyon Grail Gen 3

Es gibt Bikes, die man kauft und nie bereut. Das Canyon Grail der ersten Generation war so eines. Damals frisch aus dem Mountainbike-Alltag rund um Berlin eingestiegen – wer die Trails hier kennt, weiß: der Wechsel auf Gravel war keine Degradierung, sondern eine Erweiterung. Und das Grail hat mich von der ersten Ausfahrt an nie enttäuscht.

Jetzt steht Generation 3 in den Startlöchern. Und ich merke, dass ich zum ersten Mal ernsthaft darüber nachdenke, das alte Grail gegen das neue zu tauschen. Nicht weil irgendetwas kaputt ist. Sondern weil Canyon diesmal wirklich etwas Grundlegendes verändert hat.

Von Gen 1 zu Gen 3 – was sich wirklich getan hat

Das Grail der ersten Generation war seiner Zeit voraus – und gleichzeitig das wohl kontroverseste Bike, das Canyon je gebaut hat. Der charakteristische Hover Bar, Canyons Doppeldecker-Cockpit, spaltete die Community von Anfang an. Zu hoch, zu klobig, zu anders – die einen liebten ihn, die anderen verstanden ihn nicht. Dabei war der Hover Bar nicht nur überraschend komfortabel auf langen Ausfahrten, er hatte auch einen entscheidenden praktischen Vorteil: Wer nach einer Gravel-Runde noch die Pizza vom Imbiss mitnehmen wollte, wusste die flache Ladefläche zwischen den beiden Lenkerhörnern zu schätzen. Vier-Käse, kein Rutschen.

Mit Generation 2 verabschiedete sich Canyon dann vom Hover Bar – und gewann prompt Unbound und die Gravel-Weltmeisterschaften. Das Konzept hatte sich bewiesen, das Cockpit war Geschichte. Mit dem Grail Gen 3 ist diese Diskussion endgültig abgehakt.

Die Gravel-Rennszene entwickelt sich dabei mit einer Geschwindigkeit, die kaum eine andere Disziplin kennt. Die Siegerzeiten bei Unbound sind in den letzten Jahren nicht um Minuten, sondern um Stunden gefallen. Die Bikes, die heute gewonnen werden, sehen kaum noch aus wie ihre Vorgänger von vor fünf Jahren. Canyon hat das registriert – und mit dem Grail Gen 3 konsequent geantwortet.

57 mm Reifenfreiheit – und warum das mehr bedeutet als es klingt

Das wichtigste Upgrade der dritten Generation klingt zunächst simpel: mehr Platz für breitere Reifen. 57 mm Reifenfreiheit vorne und hinten, mit 4 mm ISO-Freiraum. Beim Vorgänger waren es 42 mm – und das wurde selbst von den Profis zunehmend als limitierender Faktor wahrgenommen.

Rosa Klöser, Canyons Gravel-Pilotin und Unbound-Siegerin 2024, hat in der Entwicklungsphase unmissverständlich klargemacht: 50 mm Reifen und mehr, oder gar kein Deal. Canyon hat nicht nur zugehört – das Bike wurde von Grund auf um diese Anforderung herum neu entwickelt. Das Gen 3 Grail ist das erste Canyon-Bike mit einem durchgehend soliden Antriebsstrang-Kettenstreben, was die schlanke, trotzdem steife Konstruktion für maximale Reifenfreiheit erst möglich gemacht hat.

Die Konsequenz: Das Grail Gen 3 ist nur noch mit Einfach-Kettenblättern kompatibel. Klares Statement, klarer Race-Fokus.

Serienmäßig kommen alle Modelle mit 45 mm Reifen – als Ausgangspunkt, von dem aus je nach Terrain und Ambitionen nach oben gegangen werden kann.

Aerodynamik – aber bitte ehrlich gemessen

Canyon hat das neue Grail im GST-Windkanal in Immenstadt getestet – einer ehemaligen Luft- und Raumfahrtanlage, heute spezialisiert auf Fahrrad-Aerodynamik. Und hier hat Canyon etwas gemacht, das in der Branche zu selten passiert: gemessen bei 35 km/h, nicht bei 45 km/h wie es für Rennräder üblich ist. Weil kein Gravel-Rennen der Welt mit einem 45 km/h Schnitt gewonnen wird.

Das Ergebnis spricht für sich: Das neue Grail schlägt aerodynamisch alle getesteten Konkurrenten – und das mit der größten Reifenfreiheit im Testfeld. Noch interessanter: Selbst das neue Grail mit 55 mm Reifen ist schneller als das Grail Gen 2 mit 40 mm Reifen. Breitere Reifen, weniger Widerstand. Weil das Gesamtsystem stimmt.

PACE-Technologie und ein raciger Fit

Wer vom Grail Gen 1 kommt, wird einen weiteren Unterschied sofort bemerken: Der Stack wurde um 15 mm abgesenkt. Canyon hat die Geometrie konsequent Richtung aggressiverer Rennposition weiterentwickelt, ohne den Reach anzutasten. Kürzere Vorbauten, tiefere Position – das Grail soll nicht nur schnell sein, es soll sich schnell anfühlen.

Beim CFR und CF SLX kommt die preisgekrönte PACE-Technologie dazu: Das Cockpit lässt sich mit einem einzigen TX25-Torx-Werkzeug in 50 mm Breite und 20 mm Höhe verstellen – ohne Steuersatzschnitt, ohne Spacer-Chaos, ohne Bremsleitung entlüften. Ein Cockpit, 15 verschiedene Fit-Konfigurationen. Neu im Ökosystem: der Control Drop – eine Lenkerform mit 17° Flare, entwickelt für Off-Road-Handling und Präzision in technischen Passagen.

Kurbellänge, Sattel, Laufradsatz – Konfiguration die Sinn macht

Was beim neuen Grail besonders stark ist: wie tief man ins Setup eingreifen kann. Die Kurbellänge ist je nach Rahmengröße gestaffelt – von 160 mm bei den kleinsten Größen über 165 mm bei S und M bis zu 170 mm bei L, XL und 2XL. Wer eigene Vorstellungen mitbringt, findet hier mehr Spielraum als bei den meisten Konkurrenten.

Beim Grail CFR geht es über das MyCanyon-Customization-Programm noch weiter: Vorbaulänge, Drop-Form, Laufradsatz – wahlweise Zipp 303 XPLR SW oder Scope Artech 4G – Sattel, Kurbellänge und Kettenblattgröße inklusive Aero-Option lassen sich individuell konfigurieren. Vier exklusive Artworks kommen obendrauf.

Für alle anderen Modelle bietet Canyon serienmäßig bereits bemerkenswert viel: Das neue Canyon GR 50 CF Laufradsystem mit 27 mm interner Felgenbreite, DT Swiss 350 Naben und 50 mm Felgentiefe kommt bei mehreren Varianten ab Werk mit – und ist für 999 € nachkaufbar, mit 10 % Loyalitätsrabatt für registrierte Canyon-Kunden der letzten drei Jahre.

Die Farben – von Mercury Burst bis Strawberry Shake

Auch optisch lässt Canyon beim neuen Grail nichts anbrennen. Das CFR kommt in Mercury Burst – dunkel, metallisch, fast bedrohlich schön – und Sonic Marble, einem cleanen Weiß mit Türkis-Akzenten. Das CF SLX bietet Monochrome, Metallic Acid und Strawberry Shake – ein Rosa, das man entweder feiert oder respektiert. Das CF kommt in Clean Slate, Sandstone und Blue Copper – erdige, moderne Töne, die auf dem Schotter einfach sitzen.

Was das für Gravel rund um Berlin bedeutet

Wer in und um Berlin Gravel fährt, weiß: Sand ist hier keine Ausnahme, Sand ist der Normalzustand. Brandenburger Sandwege, die Strecken rund um den Müggelsee, Richtung Schorfheide oder einfach der nächste Feldweg hinter dem Stadtrand – feiner, weicher Sand, der bei schmalen Reifen sofort zum Gegner wird.

Mit dem alten Grail hat man sich arrangiert. Aber 42 mm Reifenfreiheit und Sand ist eben keine ideale Kombination – man kommt durch, aber man kämpft mehr als nötig. Mit 57 mm Freiraum, breiteren Reifen und dem aerodynamisch überarbeiteten Rahmen des Gen 3 wird aus diesem Kampf ein anderes Gespräch.

Der Switch ist keine Frage des Ob mehr. Eher des Wann.

Specs auf einen Blick:
Verfügbar in 6 Modellen von 2.499 € bis 8.000 € · 7 Rahmengrößen (2XS–2XL) · 57 mm Reifenfreiheit · 1x-only · PACE-Cockpit bei CFR und CF SLX · MyCanyon-Customization für Grail CFR · Rahmengewicht ab 989 g (CFR, Größe M) · Erhältlich ab sofort über canyon.com

Tommi