Klein, schnell, ziemlich smart: Das Liv Seek 1 im Test
Nach unserem ersten Test des Canyon Ultimate CF Young Hero stand diesen Sommer das nächste spannende Kinder- und Jugendrennrad bei uns vor der Tür: das Liv Seek 1. Ein Bike, das sich speziell an junge Fahrerinnen richtet und bei dem schon beim Blick auf die Ausstattung klar wird, dass Liv einen etwas anderen Weg geht.
Denn das Seek 1 ist nicht einfach ein Erwachsenen-Rennrad in klein.
Rahmengeometrie, Laufradgröße, Lenker, Bremshebel, Kurbeln, Sattel und selbst die Charakteristik der Bremsen wurden auf junge Fahrerinnen abgestimmt. Liv gibt einen Größenbereich von etwa 130 bis 150 Zentimetern an.
Wir sind das Seek 1 den Sommer über mit den Kids gefahren – auf Asphalt, auf unseren normalen gemeinsamen Runden, aber dank der mitgelieferten Gravelbereifung eben auch dort, wo eine klassische Rennradrunde normalerweise endet.
Und genau diese Mischung hat uns ziemlich gut gefallen.
Leicht, agil – und erstaunlich erwachsen
Mit 7,38 Kilogramm spielt das Seek 1 gewichtsmäßig definitiv in einer Liga, die man bei einem Kinder- und Jugendrennrad nicht unbedingt erwartet. Dabei setzt Liv nicht auf einen Carbonrahmen, sondern auf einen leichten ALUXX-SL-Aluminiumrahmen in Kombination mit einer Vollcarbon-Gabel.
Einen erheblichen Anteil am hochwertigen Gesamtpaket haben die Giant SLR 1 Disc Carbon Laufräder in 650B. Die 40 Millimeter hohen Carbonfelgen sind Tubeless Ready und passen mit ihrer kleineren Dimension hervorragend zum Gesamtkonzept des Bikes.
Und das merkt man.
Das Seek beschleunigt leicht, lässt sich spielerisch bewegen und fühlt sich für die Kids nie so an, als müssten sie erst einmal „gegen das Fahrrad arbeiten“. Gerade beim Beschleunigen oder bei häufigen Tempowechseln macht ein niedriges Systemgewicht bei Kindern schließlich einen deutlich größeren Unterschied als bei uns Erwachsenen.
Das Feedback nach den ersten Runden fiel entsprechend positiv aus: schnell, leicht zu fahren und vor allem einfach zu kontrollieren.
Der eigentliche Gamechanger: elektronische Schaltung
Das für uns spannendste Detail sitzt allerdings am Lenker.
Liv kombiniert beim Seek 1 einen 1x12-Antrieb mit elektronischer TRP-Vistar-Schaltung. Vorne gibt es also nur ein Kettenblatt, hinten zwölf Gänge. Geschaltet wird elektronisch.
Was auf dem Papier zunächst nach ziemlich viel Hightech für ein Kinderfahrrad klingt, ergibt in der Praxis erstaunlich viel Sinn.
Denn kleine Hände haben nun einmal weniger Kraft.
Bei mechanischen Rennradschaltungen muss der Hebel vergleichsweise weit bewegt werden und der Schaltvorgang benötigt eine gewisse Kraft. Bei Erwachsenen fällt das kaum auf. Bei Kindern kann genau diese Bewegung aber dazu führen, dass die Aufmerksamkeit kurz vom eigentlichen Fahren weggeht oder beim Schalten etwas Unruhe in den Lenker kommt.
Beim Seek genügt dagegen ein kleiner Impuls.
Und genau das war für unsere Kids einer der größten Unterschiede.
Schalten funktioniert intuitiv und mit sehr wenig Kraftaufwand. Die Hände können dabei sauber am Lenker bleiben und die Konzentration bleibt dort, wo sie hingehört: auf der Straße.
Das hat uns im Laufe des Sommers tatsächlich stärker überzeugt, als wir vor dem Test erwartet hätten.
1x12: weniger ist für Kinder manchmal mehr
Hinzu kommt das 1x-Konzept.
Kein Umwerfer. Kein Nachdenken darüber, welches Kettenblatt vorne gerade eingelegt ist. Keine ungünstigen Kombinationen aus vorderem und hinterem Gang.
Für Kinder bedeutet das letztlich: leichter oder schwerer.
Mehr muss man eigentlich nicht verstehen.
Das 30-Zähne-Kettenblatt wird mit einer 11–36-Kassette kombiniert. Dazu kommen kurze 130-mm-Kurbeln. Liv hat die Übersetzung bewusst darauf ausgelegt, dass junge Fahrerinnen leichter mit einer höheren Trittfrequenz fahren und auch Anstiege bewältigen können.
Gerade für Kids, die ihre ersten Erfahrungen auf einem Rennrad sammeln, gefällt uns dieser Ansatz ausgesprochen gut. Technik sollte in diesem Alter schließlich nicht davon ablenken, Radfahren zu lernen – sie sollte es einfacher machen.
Nicht nur kleiner – tatsächlich für Kinder entwickelt
Und hier liegt vielleicht die größte Stärke des Seek 1.
Viele Kinder- und Jugendräder basieren letztlich auf der Idee, die Dimensionen eines Erwachsenenrades entsprechend zu verkleinern. Beim Seek hat Liv wesentlich weiter gedacht.
Der Liv Contact SL Lite Lenker misst lediglich 320 mm von Hood zu Hood beziehungsweise 340 mm im Drop und besitzt nur 62 mm Reach sowie 100 mm Drop. Dazu kommen deutlich kompaktere Hoods und speziell angepasste Bremshebel. Laut Liv wurde der Hebel-Reach gegenüber Erwachsenenlösungen aus dem Drop um 35 Prozent und von den Hoods um 30 Prozent reduziert; der Außendurchmesser der Hoods ist 20 Prozent kleiner.
Das klingt nach technischen Details, macht auf dem Fahrrad aber einen gewaltigen Unterschied.
Die Kids bekommen ihre Hände vernünftig um die Hoods, erreichen die Hebel besser und können schalten und bremsen, ohne ihre natürliche Handposition stark verändern zu müssen.
Genau das ist einer der Punkte, die uns beim Test des Canyon Ultimate CF Young Hero beschäftigt haben. Dort haben wir den Reach der Shimano-Hebel nachträglich angepasst, weil kleine Kinderhände mit Komponenten, die ursprünglich für Erwachsene entwickelt wurden, naturgemäß an Grenzen kommen können.
Das Seek zeigt, wie groß der Unterschied sein kann, wenn Cockpit und Bedienelemente von Anfang an auf Kinder abgestimmt werden.
Auch die Bremsen sind auf Kinder abgestimmt
Selbst bei den hydraulischen Scheibenbremsen hat Liv nicht einfach Komponenten aus dem Erwachsenenbereich übernommen.
Die Bremscharakteristik wurde laut Hersteller auf die geringere Griffkraft und das niedrigere Körpergewicht junger Fahrerinnen abgestimmt. Die flachere Bremskurve soll für eine linearere und vorhersehbarere Verzögerung sorgen.
Auch das gefällt uns als Ansatz ausgesprochen gut.
Denn eine möglichst bissige Bremse ist bei einem 30 oder 40 Kilogramm schweren Kind nicht automatisch die beste Bremse. Kontrolle und Dosierbarkeit sind mindestens genauso wichtig.
Vom Rennrad zum kleinen Gravelbike
Eine der Überraschungen unseres Tests war, wie vielseitig das Seek ist.
Serienmäßig kommt es mit 28 mm breiten Giant Gavia Course 0 Straßenreifen. Liv legt dem Seek 1 allerdings zusätzlich einen Satz Giant CrossCut Grip 1 in 35 mm bei. Der Rahmen bietet Reifenfreiheit bis 37 mm.
Und damit verändert sich der Charakter des Bikes ziemlich deutlich.
Mit den breiteren Reifen muss die gemeinsame Tour nicht mehr zwangsläufig dort enden, wo der Asphalt aufhört. Waldwege, fester Schotter und leichtes Gravel-Terrain lassen sich problemlos in die Familienrunde integrieren.
Gerade mit Kindern ist das ein echter Vorteil.
Man muss die Strecke nicht ausschließlich danach planen, ob wirklich jeder Kilometer asphaltiert ist. Und die Kids können gleichzeitig ausprobieren, wie sich ihr Bike auf unterschiedlichen Untergründen verhält.
Aus dem kleinen Rennrad wird damit kein ausgewachsenes Gravelbike für grobes Gelände – aber ein erstaunlich vielseitiges Allroad-Bike für junge Fahrerinnen.
Ein Detail, das Eltern mögen dürften: Das Bike wächst mit
Kinder wachsen. Schnell.
Bei einem hochwertigen Kinder- und Jugendrennrad ist deshalb die Frage berechtigt, wie lange es überhaupt sinnvoll genutzt werden kann.
Liv hat dafür eine einfache, aber clevere Lösung integriert. Die Quick-Fit-Sattelstütze besitzt Markierungen zur Körpergröße, wodurch sich die Einstellung unkompliziert anpassen lässt. Zusammen mit der Geometrie ist das Seek für Fahrerinnen zwischen ungefähr 130 und 150 Zentimetern konzipiert.
Natürlich ersetzt das keine neue Rahmengröße, wenn das Kind irgendwann herausgewachsen ist. Innerhalb dieses Bereichs lässt sich das Bike aber unkompliziert an die Entwicklung anpassen.
Unser Eindruck nach einem Sommer mit dem Liv Seek 1
Nach einem Sommer auf dem Seek 1 bleibt bei uns vor allem ein Eindruck hängen:
Hier wurde nicht einfach ein Rennrad kleiner gemacht.
Das Seek 1 fühlt sich wie ein Rennrad an, das tatsächlich um die Bedürfnisse junger Fahrerinnen herum entwickelt wurde.
Die elektronischen Schaltvorgänge benötigen kaum Kraft, der 1x-Antrieb ist intuitiv zu verstehen, das kompakte Cockpit passt zu kleinen Händen und die kurzen Kurbeln sowie die 650B-Laufräder passen zu den Proportionen der Kids. Dazu kommen Carbonlaufräder, Carbon-Gabel und hydraulische Scheibenbremsen – Komponenten, die man sonst eher an hochwertigen Erwachsenenrädern erwartet.
Und dann ist da noch die Möglichkeit, innerhalb weniger Handgriffe breitere Gravelreifen aufzuziehen.
Für uns macht gerade diese Kombination das Seek interessant: Am Wochenende kann die gemeinsame Rennradrunde anstehen – und beim nächsten Mal geht es einfach über Schotter und Waldwege weiter.
Vor allem aber hat unser Test gezeigt, welchen Unterschied wirklich kindgerechte Ergonomie machen kann. Die elektronische Schaltung ist dabei keineswegs nur ein technisches Gimmick. Gerade für kleine Hände kann sie einen echten Vorteil bedeuten.
Das wichtigste Feedback kommt am Ende ohnehin von denen, für die das Fahrrad gebaut wurde.
Und das fiel nach einem Sommer mit dem Liv Seek 1 ziemlich eindeutig aus: Daumen hoch.