Wenn die Kids plötzlich groß werden

Wenn die Kids plötzlich groß werden

Es passiert nicht an einem bestimmten Tag. Es gibt keinen Moment, an dem jemand sagt: So, das war’s jetzt mit der Kindheit. Und wahrscheinlich ist genau das der Grund, warum man es als Eltern erst bemerkt, wenn man schon mittendrin steckt.

Consti wird diesen Monat neun. Lotti wird noch in diesem Jahr elf.

Eigentlich sind sie damit natürlich noch Kinder. Und trotzdem merke ich gerade immer häufiger, dass sich etwas verändert. Nicht dramatisch. Nicht von heute auf morgen. Eher in diesen vielen kleinen Situationen im Alltag.

Sie brauchen uns weniger.

Und ja – genau das wollten wir doch eigentlich immer.

Papa, du kannst gehen

Früher war es selbstverständlich, dass wir dabei waren. Beim Spielen, beim Sport, auf dem Weg irgendwohin. Wir haben gebracht, abgeholt, gewartet, geholfen, erklärt, getröstet und organisiert.

Heute kommt immer öfter:

„Papa, du kannst schon gehen.“

Oder: „Ich mache das alleine.“

Manchmal wollen sie nachmittags einfach in ihrem Zimmer sein. Tür zu, Musik an, lesen, spielen oder einfach nichts tun. Freunde werden wichtiger. Verabredungen funktionieren zunehmend ohne Elternprogramm. Und bei manchen Dingen ist unsere Anwesenheit nicht mehr notwendig – gelegentlich vermutlich sogar ausdrücklich unerwünscht.

Das ist völlig normal.

Aber es ist trotzdem gewöhnungsbedürftig.

Denn jahrelang besteht ein ziemlich großer Teil des Elternseins daraus, permanent gebraucht zu werden. Und irgendwann verschiebt sich das Verhältnis.

Aus „Bleibst du noch?“ wird langsam „Du kannst gehen.“

Wann war eigentlich das letzte Mal?

Dabei beschäftigt mich in letzter Zeit ein Gedanke besonders.

Viele Dinge mit unseren Kindern machen wir irgendwann zum letzten Mal – ohne zu wissen, dass es das letzte Mal ist.

Das letzte Mal, dass man sie von der Schule abholt.

Das letzte Mal, dass sie beim Überqueren der Straße automatisch nach deiner Hand greifen.

Das letzte Mal, dass man sie ins Bett bringt und noch eine Geschichte vorliest.

Das letzte Mal, dass sie nachts ins Schlafzimmer kommen, weil sie schlecht geträumt haben.

Das letzte Mal, dass sie unbedingt wollen, dass Papa beim Training zuschaut.

Das letzte Mal, dass sie auf die Schultern wollen.

Und wahrscheinlich auch irgendwann das letzte Mal, dass die Frage kommt:

„Papa, spielst du mit mir?“

Das Verrückte daran ist: Bei fast keinem dieser Momente wissen wir, dass er gerade zum letzten Mal passiert.

Es gibt kein Schild.

Keinen Countdown.

Keine Gelegenheit, kurz innezuhalten und zu denken: Okay, Thomas, merk dir genau diesen Moment.

Man holt sein Kind an irgendeinem Dienstag von der Schule ab. Vielleicht ist man sogar gestresst, beantwortet nebenbei eine Nachricht oder denkt schon darüber nach, was später noch erledigt werden muss.

Und irgendwann Monate später stellt man fest:

Moment mal.

Wann habe ich das eigentlich zuletzt gemacht?

Wir feiern die ersten Male – aber verpassen die letzten

Als Eltern dokumentieren wir die ersten Male ziemlich gewissenhaft.

Das erste Lächeln. Der erste Zahn. Die ersten Schritte. Das erste Wort. Der erste Kindergarten- und später der erste Schultag. Das erste Mal Fahrradfahren ohne Stützräder.

Fotos, Videos, Nachrichten an Oma und Opa.

Die letzten Male dagegen verschwinden meistens vollkommen unspektakulär.

Vielleicht ist das auch gut so. Schließlich gehört es dazu, dass Kinder selbstständiger werden.

Trotzdem verändert sich die Perspektive, wenn man sich das einmal bewusst macht.

Denn plötzlich bekommt ein ganz gewöhnlicher Nachmittag einen anderen Wert.

Loslassen beginnt viel früher, als ich dachte

Beim Loslassen habe ich früher an Teenager gedacht. An die erste Party. Den ersten Urlaub ohne Eltern. Führerschein. Ausziehen.

Heute glaube ich, dass Loslassen viel früher beginnt.

Mit neun und elf vielleicht.

Wenn der Schulweg allein funktioniert.

Wenn Freunde wichtiger werden.

Wenn Entscheidungen nicht mehr automatisch mit uns besprochen werden.

Wenn ein geschlossenes Kinderzimmer nicht bedeutet, dass etwas passiert ist, sondern einfach: Ich möchte gerade meine Ruhe.

Und genau hier verändert sich auch die Rolle als Vater.

Meine Aufgabe ist nicht mehr ausschließlich, Dinge für meine Kinder zu machen.

Immer häufiger besteht sie darin, ihnen zuzutrauen, Dinge selbst zu machen.

Das klingt nach einem kleinen Unterschied.

Für Eltern ist es ein ziemlich großer.

Nicht weniger Vater. Anders Vater.

Natürlich brauchen Consti und Lotti uns weiterhin.

Nur eben anders.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse dieser Phase: Weniger gebraucht zu werden bedeutet nicht, weniger wichtig zu sein.

Statt Schuhe zuzubinden, führt man plötzlich Gespräche.

Statt jeden Schritt vorzugeben, wird man häufiger gefragt, was man von etwas hält.

Man wird Fahrer, Zuhörer, Mechaniker, Trainingspartner, Problemlöser und manchmal einfach nur derjenige, der da ist.

Und manches davon gefällt mir sogar besser als früher.

Mit den Kids gemeinsam Rennrad zu fahren, Sport zu machen oder wirklich über Dinge sprechen zu können, ist großartig. Aus gemeinsamen Aktivitäten wird langsam tatsächlich gemeinsame Zeit auf Augenhöhe.

Gleichzeitig muss ich lernen, diese Zeit nicht mehr automatisch vorauszusetzen.

Denn ein Kind, das mit fünf Jahren jeden freien Nachmittag mit Papa verbringen möchte, kann mit elf vollkommen andere Pläne haben.

Und das ist auch gut so.

Die Kunst, nicht festzuhalten

Wahrscheinlich besteht eine der schwierigsten Aufgaben als Eltern darin, gleichzeitig Nähe anzubieten und Abstand zuzulassen.

Nicht beleidigt zu sein, wenn die Tür zugeht.

Nicht jedes „Ich möchte alleine sein“ persönlich zu nehmen.

Nicht permanent nachzufragen.

Und vielleicht auch nicht zu versuchen, die kleinen Kinder von früher festzuhalten, obwohl vor einem längst zwei ziemlich eigenständige Persönlichkeiten stehen.

Denn genau das wollten wir doch erreichen.

Kinder großzuziehen bedeutet schließlich nicht, sie möglichst lange abhängig von uns zu halten. Es bedeutet, ihnen Stück für Stück das Vertrauen und die Fähigkeiten mitzugeben, uns immer weniger zu brauchen.

Nur sagt einem vorher niemand, dass Erfolg sich dabei manchmal ein bisschen nach Verlust anfühlt.

Vielleicht deshalb öfter Ja sagen

Ich möchte daraus keine permanente „Genieße jeden Moment“-Geschichte machen.

Denn ganz ehrlich: Nicht jeder Moment mit Kindern ist magisch.

Manche sind laut. Manche nerven. Manche finden morgens um 6:30 Uhr statt. Und bei manchen möchte man einfach nur fünf Minuten seine Ruhe haben.

Aber das Wissen um diese unbemerkten letzten Male verändert trotzdem etwas.

Wenn Consti fragt, ob wir noch eine Runde fahren.

Wenn Lotti etwas zeigen möchte.

Wenn einer von beiden fragt: „Papa, kommst du mit?“

Dann möchte ich versuchen, etwas häufiger Ja zu sagen.

Nicht immer.

Aber vielleicht öfter.

Denn irgendwann wird diese Frage seltener kommen.

Und plötzlich sind sie groß

Consti wird jetzt neun. Lotti elf.

Bis zum Auszug ist – hoffentlich – noch reichlich Zeit. Pubertät, erste Partys, Beziehungen, Führerschein und all die anderen großen Schritte liegen noch vor uns.

Und trotzdem fühlt es sich gerade an, als hätten wir eine unsichtbare Grenze überschritten.

Wir haben keine kleinen Kinder mehr.

Wir haben zwei Kids, die zunehmend wissen, was sie wollen. Die eigene Interessen entwickeln, eigene Entscheidungen treffen und immer mehr Teile ihres Lebens selbst organisieren.

Genau so soll es sein.

Vielleicht besteht unsere Aufgabe in den nächsten Jahren deshalb weniger darin, sie festzuhalten.

Sondern ihnen genügend Freiheit zu geben, immer weiterzugehen – und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass sie wissen:

Wenn ihr uns braucht, sind wir da.

Und bis dahin versuche ich, diese ganz normalen Momente ein bisschen bewusster wahrzunehmen.

Denn vielleicht ist irgendeiner davon gerade ein letztes Mal.

Und wir wissen es nur noch nicht.

Tommi

Thomy