#VonAnfangAn

#VonAnfangAn ist Tilli willkommen. Nicht weil oder sogar obwohl er ein Chromosom mehr hat als die meisten und somit eine Behinderung hat, sondern einfach so. Darum macht keiner ein großes Aufheben. Ich heute schon.

Inklusion, du tückisches Wort. Lässt du doch vermuten, dass ein „angenommen sein“ in der Gesellschaft nicht nur in unseren Rechten verankert ist und es sogar Gesetze zur Gleichstellung gibt, sondern, dass wir als Menschen gesamtheitlich danach streben einander zu nehmen, wie wir sind. Und zwar völlig unabhängig davon, ob wir ein Extrachromosom, eine Lernschwäche, eine körperliche Einschränkung oder unsichtbare Behinderungen wie eine Depression im Gepäck haben. Doch wenn dem so wäre, dann bräuchten wir dazu kein Recht und Gesetz, das uns daran erinnert und inklusives Verhalten untereinander einfordert. Oder?

Zurück zum Anfang. Tilli wird geboren. Er hat vermutlich einen Herzfehler und kann sich nicht mit ausreichend Sauerstoff versorgen. Natürlich teilen wir diese Info mit unseren Liebsten. Wir machen uns Sorgen. Unser Umfeld sorgt sich mit. Hat es da angefangen? 

Wir erwarten nach erfolgreicher künstlicher Befruchtung ein Kind. Wir gehen zur Vorsorge und entscheiden uns, ohne wirklich alle Konsequenzen abschätzen zu können, gegen Pränataldiagnostik, die eine Andersartigkeit vorab bestimmen könnte. Wir teilen unsere Gedanken dazu mit Familie und Freunden. Letzten Endes sind es allerdings nur Worte. War das unser Start in unser gemeinsames Leben? Oder hat alles angefangen, als wir entschieden haben, ein Kind zu wollen? War da bereits alles „all inclusive“?

Als wir damals 8 Tage nach seiner Entbindung selbst erkennen, dass Tillmann das Down-Syndrom hat, sind wir abends bei Freunden zum Essen eingeladen. Wir nehmen eine Auszeit von der Intensivstation und der Sorge darum, dass etwas mit unserem Kind nicht stimmt, dass wir ein anderes Leben führen werden, als wir vielleicht erwartet haben. Es regnet auf der Fahrt nach Leipzig und wir schweigen. Einzig der quietschende Scheibenwischer ist hörbar, bis ich frage: „Wie sagen wir es den beiden?“ Alfi schaut weiter auf die nasse Autobahn vor ihm und ich bin nicht ganz sicher, ob er mich gehört hat. Nochmal zu fragen traue ich mich irgendwie nicht, ist auch nicht nötig, er hat mich gehört. „Keine Ahnung. Hast du Angst?“ Ich stutze. Nein, Angst habe ich keine. Wir fahren zu Freunden. Sehr guten Freunden. Die hüten schon seit einer Woche unseren verrückten Hund, die schockt nichts. Außerdem ist sie Krankenschwester und er beim Fernsehen. Tse, die schockt das wirklich nicht. Ich schmunzle vor mich hin. „Heißt das Nein?“, fragt mich Alfi, nachdem ich mein Kopfkino habe durchlaufen lassen und grinsend neben ihm sitze.

Niemand hätte uns einen besseren Start verschaffen können als diese beiden großherzigen Menschen und ihre Kinder. Bei Pizza, die wir zwar kaum angerührt haben, und einer Offenbarung, die viel größer schien, als sie war, nahm für uns Inklusion ihren Anfang. Wir hielten unter dem Tisch Händchen. Das machen wir sonst nie. Ich vergrub meine andere Hand tief in Jacksons Fell, als Alfi mit schwerem Schlucken sagte, dass Tilli Trisomie21 hat. „Hab ich mir gedacht“, antwortet Peggy kurzum. Es ist ein völliges annehmen der Situation ohne Bewertung oder Mitleid. „Und wie geht es dem kleinen Mann?“ Damit war das Thema durch. Und ich hätte fast glauben können, es wäre alles wie immer nur plus Kind. Der einzige Unterschied war der Satz „Wenn das jemand schafft, dann ihr.“ Diese Motivation hörten wir von allen, denen wir unsere Geschichte erzählten. 

Und wir holten uns diese Aussage oft ab. Bei unserer gesamten Familie, bei Freunden, bei Arbeitskollegen, bei Nachbarn, bei Bekannten, bei Therapeuten und bei allen Gruppen, die wir mit Tilli besuchten. Anfangs konnte ich damit nicht viel anfangen. Es war ein Schulterklopfen, dass mir nicht tröstlich erschien, weil ich mir nicht sicher war, ob wir das gut für Tilli hinbekommen werden. Ob wir es schaffen ihm ein Umfeld zu ermöglichen in dem er sich normal bewegt, ohne das unsichtbare Schild mit der Aufschrift „Behindert“ zu tragen. 

Doch letzte Woche in Vorbereitung auf einen Nachmittag mit ganz vielen Menschen, die uns und Tillmann von Anfang begleiten, da habe ich es aus den Augen einer Freundin anders sehen können. Es war kein Schulterklopfen und auch nicht tröstlich gemeint. Es war die einfache Feststellung einer Tatsache. Sie musste mir absagen, da sie einen Geburtstag feierten und nicht auf zwei Hochzeiten tanzen konnten. Total schade, denn nicht nur ihr Sohn Willi, der mit Tilli die Pekip-Gruppe besuchte, sondern auch sie ist mir, wie all die anderen, auf Grund ihrer Offenheit und Toleranz sehr ans Herz gewachsen. „… wir wünschen euch aber einen schönen Nachmittag. Ich denke so oft, dass ihr so super unkompliziert und unbeschwert damit umgeht. Ihr seid eine starke Familie.“ Ich wollte es fast schon wieder abtun, doch tatsächlich, hat es etwas in mir angesprochen. Ich stand also da in meiner Küche, wirklich gerührt und musste kurz schlucken, während mir bereits die Tränen in den Augen standen. Sie hätte es nicht besser sagen können. Wir verkomplizieren nichts und es macht uns das Leben nicht schwer. 

Als wir dann vorigen Freitag die Kuchentafel decken, meine Freundin Jule die Zwillinge mit Engelsgeduld durch den Garten trägt, nach und nach all die vertrauten und lieben Gesichter eintreffen, die es an dem Tag einrichten konnten, sehe ich es. Ich sehe es so deutlich wie noch nie. Inklusion holt man sich nicht nur von außen ein, man trägt sie im Idealfall nach draußen. Wir haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass Tillmann mit einer Behinderung lebt. Im Gegenteil. Wir haben sogar den Entschluss gefasst, unser Leben als Familie nach außen zu teilen. Mit Höhen und Tiefen, ohne Angst vor Bewertungen von außen, als Bereicherung für Menschen, die vielleicht noch ganz am Anfang stehen. Während ich Erdbeerkuchen anschneide, höre ich immer wieder wie Tilli begeistert begrüßt wird und selbst jauchzt über jeden der ihm ein High-Five oder eine Checker-Faust hinhält. Ein bunter Strauß an Menschen verschiedensten Alters, unterschiedlichster Herkunft und mit normalen wie besonderen Kindern hält in unserem Garten Einzug. Der grandiose Sommertag ist erhellt von Lachen, durchkreuzt von nackten Kinderfüßen und beschwingt durch schaukelnde Freunde. Manche wirbeln Tilli in die Luft, andere fragen ihn mit der Gebärde für „Nochmal“, ob er das gern wiederholen würde. Wieder andere nehmen ihn an beiden Händen und trainieren das Laufen im Garten, vom Pool zur Schaukel, zum Sandkasten, zur Werkbank und wieder zurück. 

Als alle in den Pool gehen, stehe ich am Rand und denke, dass es einfach Menschlichkeit heißen sollte. Nicht Inklusion. Nicht klingen sollte wie etwas, das man erst noch zu erreichen sucht, sondern ein Bedürfnis sein sollte, dass uns allen Menschen innewohnt. So geliebt und angenommen zu werden, wie man halt ist. Dann schaue ich auf Tilli. Mein Wunderkind. Der mich und uns alle in eine Welt inkludiert hat, die geprägt ist von einem großen strahlenden Lachen, Armen die einen jederzeit ebenso wild wie herzlich umarmen, in der es ganz egal ist, wer du bist und was an dir aus dem Raster fällt, solange du einfach bist, wie du bist. In der du deinen Horizont erweiterst, dich auf Augenhöhe bewegst und einfach auf das hörst was dein Herz dir sagt und es ganz weit öffnest. #VonAnfangAn 

Die Aktion Mensch hat diese Aktion ins Leben gerufen und wir freuen uns riesig, dass sie uns dazu angeregt hat, innezuhalten und wertzuschätzen, was Inklusion für uns bedeutet. In einem schönen Video zeigt sie etwas, dass wir uns schöner nicht vorstellen könnten: eine unvoreingenomme Welt, so wie Kinder sie sehen und gestalten würden. Weitab von Gesetzen und Rechten. Einfach aus purer Menschlichkeit.

Eure Ini